Ein Sestiere zwischen Festland und Lagune: Kurze Geschichte von Santa Croce
Der Name des Viertels geht auf eine heute nicht mehr existierende Kirche zurück: die Kirche Santa Croce, die in der napoleonischen Ära zusammen mit zahlreichen anderen sakralen Gebäuden der Gegend abgerissen wurde. Diese Geschichte bringt die doppelte Natur dieses Stadtteils gut auf den Punkt: Auf der einen Seite der östliche Teil in Richtung Rialto mit mittelalterlichem Grundriss, engen Gassen und kleinen Kanälen, die über die Jahrhunderte fast unverändert geblieben sind; auf der anderen Seite der westliche Teil in Richtung Tronchetto und Hafen, der im 20. Jahrhundert größtenteils auf aufgeschüttetem Land erbaut wurde.
Das Jahr 1933 markierte den radikalsten Wandel: Mit der Eröffnung der Ponte della Libertà wurde Santa Croce zum einzigen per Auto erreichbaren Sestiere Venedigs. Es entstand der Piazzale Roma – der große Bus- und Parkterminal, der heute für Millionen von Besuchern den ersten physischen Kontakt mit der Stadt darstellt. Rolle als Logistikknotenpunkt hat die andere, authentische Seele des Viertels etwas in den Hintergrund gedrängt: gotische Paläste am Grand Canal, versteckte Gärten in den Kreuzgängen und ein Quartierleben, das nur wenige Minuten vom Piazzale Roma entfernt in einem völlig anderen Rhythmus verläuft.

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Ca’ Pesaro: Moderne Kunst und fernöstliche Schätze am Grand Canal
Der wohl berühmteste Palast in Santa Croce ist die Ca’ Pesaro – ein barockes Meisterwerk von Baldassarre Longhena aus dem 17. Jahrhundert mit einer Diamantquader-Fassade, die sich im Wasser des Grand Canal spiegelt. Seit 1902 beherbergt das Gebäude die Internationale Galerie für Moderne Kunst mit Werken von Gustav Klimt, Wassily Kandinsky, Marc Chagall und Umberto Boccioni sowie einer der bedeutendsten Sammlungen venezianischer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts.
Im zweiten Stock zeigt das Museum für Orientalische Kunst eine der wichtigsten japanischen Sammlungen Europas, zusammengetragen von Prinz Heinrich von Bourbon während einer langen Asienreise: Samurai-Rüstungen, Lackarbeiten, Keramiken und Holzschnitte. Ein Besuch der Ca’ Pesaro abseits der großen Touristenströme bietet oft das seltene Erlebnis, ganze Säle fast für sich allein zu haben.
San Giacomo dell’Orio: Das spirituelle und volkstümliche Herz des Sestiere
Unweit davon liegt der Campo San Giacomo dell’Orio, einer der authentischsten Orte ganz Venedigs: mit Bäumen bewachsen, ungezwungen und eher von Einheimischen als von Touristen frequentiert. Ältere Menschen unterhalten sich auf Bänken, während Fahrräder an den Wänden lehnen – ein ungewöhnliches Bild in der Lagunenstadt. Die namensgebende Kirche gehört zu den ältesten der Stadt (ihre Ursprünge reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück) und zeigt eine faszinierende Mischung architektonischer Stile: Ein romanischer Grundriss, die berühmte Holzdecke in Form eines umgedrehten Schiffskiels, wiederverwendete byzantinische Kapitelle und barocke Altäre harmonieren nebeneinander.
Rund um den Platz reihen sich kleine Werkstätten, traditionelle Osterien und Nachbarschaftsläden, die der fortschreitenden Touristifizierung getrotzt haben. Es ist einer der besten Orte, um das echte Alltagsleben der Venezianer abseits der ausgetretenen Pfade nach Rialto und San Marco zu beobachten.
San Stae und die ruhigen Ufer des Grand Canal
Folgt man den Fondamente weiter in Richtung Rialto, gelangt man zur Kirche San Stae mit ihrer spektakulären Spätbarock-Fassade voller Statuen direkt am Grand Canal. Das Innere beherbergt Werke von Giambattista Tiepolo und Giambattista Piazzetta. Besonders besticht jedoch die Lage: Die Vaporetto-Haltestelle San Stae ist eine der ruhigsten am Grand Canal, und der Blick auf die historischen Paläste lässt sich hier entspannt genießen.
Nur ein Stück weiter bieten die Scuola Grande di San Giovanni Evangelista und kleine Seitengassen fotogene Ausblicke auf den Kanal, da die meisten Touristen diese Zone auf dem Weg zur Rialtobrücke schnell durchqueren.

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Fondaco dei Turchi und das Naturhistorische Museum
Eines der ungewöhnlichsten Gebäude am Grand Canal steht ebenfalls in Santa Croce: der Fondaco dei Turchi. Der venezianisch-byzantinische Palast aus dem 13. Jahrhundert diente vom 17. bis zum 19. Jahrhundert als Handelssitz und Wohnhaus für osmanische Kaufleute in Venedig. Heute beherbergt das Gebäude das Naturhistorische Museum Venedigs. Zu den Exponaten zählt unter anderem das fossile Skelett eines Dinosauriers (Ouranosaurus nigeriensis) sowie naturkundliche Sammlungen zur Lagune und ihrem Ökosystem.
Im Vergleich zu den großen Kunstmuseen wird es oft übersehen, eignet sich jedoch hervorragend für Familien oder für alle, die Venedig aus einer naturgeschichtlichen Perspektive entdecken möchten.
Palazzo Mocenigo und der Duft des Venedigs im 18. Jahrhundert
Nur wenige Schritte von San Stae entfernt beherbergt der Palazzo Mocenigo das Museum für Stoffe, Kostüme und Parfüm. Die mit Fresken verzierten Säle sind wie ein Adelssitz des 18. Jahrhunderts eingerichtet und vermitteln das Alltagsleben der venezianischen Aristokratie durch historische Kleidung und Accessoires. Eine dauerhafte Abteilung widmet sich der Geschichte der Parfümerie in Venedig – einer Stadt, die über Jahrhunderte hinweg ein europäisches Zentrum für den Handel mit Essenzen und Gewürzen aus dem Orient war.
Ein idealer Zwischenstopp für alle, die ein ruhiges Museum suchen und erfahren möchten, wie man hinter den Fassaden der Paläste lebte.
Bacari, Märkte und das Alltagsleben in den Gassen
Santa Croce gehört zusammen mit dem benachbarten San Polo zu den Stadtteilen, in denen man noch Bàcari und Osterien mit lokalem Charakter findet. Hier wird der Cicchetto zusammen mit einem Ombra (einem kleinen Glas Wein) an der Theke serviert – weit weg von mehrsprachigen Touristenmenüs. Beim Spaziergang durch die Gassen zwischen San Giacomo dell’Orio und San Stae trifft man auf Kunsthandwerker, historische Lebensmittelläden und kleine Plätze (Campielli), auf denen das Quartierleben seinen eigenen Rhythmus behält.
Hier spürt man den Unterschied zwischen dem Postkarten-Venedig und der Stadt, wie sie von ihren Bewohnern tagtäglich erlebt wird.
Ein Spaziergang durch das authentische Santa Croce
Für einen halbtägigen Ausflug beginnt die ideale Route am Piazzale Roma oder am nahe gelegenen Bahnhof Santa Lucia. Man überquert die Ponte della Costituzione oder geht entlang des Grand Canal in Richtung San Simeon Piccolo mit seiner auffälligen grünen Kuppel. Von dort geht es weiter zum Fondaco dei Turchi und zum Naturhistorischen Museum, bevor man tiefer in die inneren Gassen bis zum Campo San Giacomo dell’Orio eintaucht – ein perfekter Ort für eine Pause in einem der lokalen Bàcari.
Die Route führt weiter in Richtung San Stae und Ca’ Pesaro und kann am Palazzo Mocenigo oder an der nur wenige Gehminuten entfernten Rialtobrücke enden. Die Strecke dauert entspannt etwa zwei bis drei Stunden (inklusive Museumsbesuchen) und führt durch das gesamte Sestiere, ohne auf die üblichen Menschenmassen von San Marco zu treffen.

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Anreise und Orientierung in Santa Croce
Santa Croce ist das am leichtesten zugängliche Sestiere Venedigs: Wer mit dem Auto oder Bus anreist, kommt am Piazzale Roma oder Tronchetto an; Zugreisende steigen am Bahnhof Santa Lucia aus, der nur wenige Gehminuten von der Grenze des Stadtteils entfernt liegt. Die Vaporetto-Haltestellen Riva de Biasio, San Stae und Ferrovia verbinden Santa Croce schnell mit dem Rest der Stadt.
Zu Fuß lässt sich das Viertel am besten erkunden: Die Distanzen sind kurz, und die meisten Sehenswürdigkeiten liegen nur 10 bis 15 Gehminuten voneinander entfernt.
FAQ zu Santa Croce in Venedig
- Ist Santa Croce sehr touristisch?Nur teilweise. Der Piazzale Roma verzeichnet als Haupteingangstor einen hohen Durchgangsverkehr, jedoch zieht der Großteil der Besucher direkt weiter nach Rialto oder San Marco. Das restliche Viertel zwischen San Giacomo dell’Orio und San Stae gehört zu den ruhigsten Bereichen des historischen Zentrums.
- Was kann man in Santa Croce in wenigen Stunden sehen?Zu den wichtigsten Stationen gehören Ca’ Pesaro, die Kirche San Giacomo dell’Orio, die Kirche San Stae, der Fondaco dei Turchi (Naturhistorisches Museum) und der Palazzo Mocenigo. Ein zwei- bis dreistündiger Spaziergang reicht aus, um diese Punkte zu verbinden.
- Wie kommt man vom Markusplatz nach Santa Croce?Zu Fuß dauert es etwa 20 bis 25 Minuten durch das Viertel San Polo. Alternativ kann man das Vaporetto entlang des Grand Canal bis zu den Haltestellen San Stae oder Riva de Biasio nehmen.
- Was beinhaltet der Venice City Pass für den Besuch der Ca’ Pesaro?Der Venice City Pass All Inclusive bietet bevorzugten Einlass zum Dogenpalast und zu 11 weiteren städtischen Museen (darunter Ca’ Pesaro und das Naturhistorische Museum) sowie die Nutzung der ACTV-Vaporetti für die gewählte Dauer.
- Welche Museen in Santa Croce sind in den offiziellen Pässen enthalten?Die Ca’ Pesaro (Internationale Galerie für Moderne Kunst und Museum für Orientalische Kunst) sowie das Naturhistorische Museum im Fondaco dei Turchi gehören zu den 11 städtischen Museen, die mit dem Venice City Pass und dem Venezia Pass 11 Musei zugänglich sind.
- Eignet sich Santa Croce für Familien mit Kindern oder Ruhesuchende?Ja. Großzügige Plätze wie der Campo San Giacomo dell’Orio, die geringere Touristendichte und das Naturhistorische Museum mit seinem Dinosaurier-Skelett machen Santa Croce zu einem idealen Ziel für Familien abseits des Trubels rund um San Marco.
